Bei bestimmten leichten Beschwerden kommen Heilpflanzen infrage. Ihre Wirkung hängt von der Pflanze, dem verwendeten Pflanzenteil und der Zubereitung ab. Die natürliche Herkunft allein belegt weder die Wirkung noch die Risikofreiheit eines Mittels.
Viele vertraute Kräuter gelten als heimisch, obwohl sie ursprünglich aus anderen Regionen stammen oder als Kulturpflanzen angebaut werden. Beispiele sind Pfefferminze, Kamille, Thymian und Johanniskraut. Ein Arzneimittel mit festgelegter Zusammensetzung ist nicht ohne Weiteres mit einem Tee oder Nahrungsergänzungsmittel gleichzusetzen.
Wie pflanzliche Arzneimittel eingestuft werden
Bei pflanzlichen Arzneimitteln unterscheiden Fachstellen zwischen gut belegter und traditioneller Anwendung. Für eine gut belegte Anwendung gibt es ausreichende Daten zu Wirksamkeit und Sicherheit. Eine traditionelle Anwendung beruht auf langjähriger Nutzung. Fachleute halten sie für plausibel, auch wenn klinische Studien die Wirkung nicht zuverlässig belegen.
Die Bewertung bezieht sich auf eine bestimmte Zubereitung und Anwendung. Sie gilt nicht automatisch für alle Produkte aus derselben Pflanze. Ein Kamillenextrakt in einem Arzneimittel, Kamillentee und ein Nahrungsergänzungsmittel mit Kamille können sich in Zusammensetzung und Dosierung deutlich unterscheiden. Der Pflanzenname auf der Packung ist daher kein Wirksamkeitsnachweis.
Vier Pflanzen und ihre Grenzen
Pfefferminze bei Verdauungsbeschwerden
Bestimmte Zubereitungen aus Pfefferminzblättern werden traditionell zur Linderung leichter Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl und Blähungen eingesetzt. Die Europäische Arzneimittel-Agentur nennt für entsprechende Arzneitee-Zubereitungen 1,5 bis 3 Gramm Pfefferminzblätter pro Tasse, dreimal täglich. Diese Angabe gilt für die dort beschriebene Zubereitung und ist keine Dosierung für jedes Pfefferminzprodukt.
Die Anwendung wird für Kinder unter vier Jahren nicht empfohlen. Wenn die Beschwerden länger als zwei Wochen anhalten, sollte man ärztlichen oder pharmazeutischen Rat einholen.
Kamille für Haut und Schleimhäute
Für bestimmte Kamillenblüten-Arzneimittel erkennt die Europäische Arzneimittel-Agentur eine traditionelle Anwendung bei kleineren Hautentzündungen und oberflächlichen Wunden an. Klinische Studien belegen bisher nicht zuverlässig, dass Kamille bei bestimmten Erkrankungen wirkt. Bei anhaltenden oder stärkeren Beschwerden sollte die Ursache abgeklärt werden.
Kamille kann allergische Reaktionen auslösen, besonders bei Menschen, die auf Pflanzen aus der Korbblütlerfamilie reagieren. Bei regelmäßiger Einnahme von Arzneimitteln sollte man vor der Anwendung eines Kamillenpräparats mögliche Wechselwirkungen prüfen lassen.
Thymian bei Erkältungshusten
Bestimmte Thymian-Arzneimittel werden traditionell bei produktivem Husten im Zusammenhang mit Erkältungen verwendet. „Produktiv“ bedeutet, dass sich Schleim löst und abgehustet wird. Die vorhandenen klinischen Studien reichen laut Europäischer Arzneimittel-Agentur nicht aus, um diese Anwendung als gut belegt einzustufen. Eine kleine Studie mit 60 Erwachsenen erlaubte keine verlässliche Aussage zum Vergleich mit einem anderen Hustenmittel.
Diese Einschätzung lässt sich nicht pauschal auf jeden Thymiantee, jede Kräutermischung oder ätherisches Öl übertragen. Hält der Husten an oder verschlimmert er sich, reicht Selbstbehandlung nicht aus.
Johanniskraut bei Depression
Für bestimmte zugelassene Johanniskraut-Arzneimittel beschreibt die Nationale VersorgungsLeitlinie einen möglichen Nutzen bei leichter oder mittelschwerer Depression. Ob ein solches Präparat infrage kommt, sollte ärztlich besprochen werden. Für Johanniskrauttee, Nahrungsergänzungsmittel und frei verkäufliche Präparate lässt sich aus dieser Leitlinien-Aussage kein entsprechender Nutzen ableiten.
Johanniskraut kann die Wirkung anderer Arzneimittel abschwächen. Dazu gehören unter anderem bestimmte Blutverdünner, Epilepsie- und Krebsmedikamente sowie die Antibabypille. Auch Nebenwirkungen wie erhöhte Lichtempfindlichkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit oder Unruhe sind möglich. Sprich deshalb vor der Einnahme mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Apotheke.
Tee und Arzneimittel unterscheiden
Ein Arzneimittel enthält eine festgelegte Zubereitung und muss bestimmte Anforderungen erfüllen. Ein Lebensmitteltee dient dagegen in erster Linie als Getränk. Nahrungsergänzungsmittel werden ebenfalls anders geregelt als Arzneimittel; ihre Pflanzenextrakte müssen nicht dieselbe Zusammensetzung oder Dosierung haben.
Deshalb gilt: Wenn eine Studie oder eine Arzneimittelbewertung eine Wirkung beschreibt, bezieht sie sich auf die konkret untersuchte oder bewertete Zubereitung. Für selbst aufgegossenen Tee oder beliebige Produkte ist damit kein gleicher Effekt belegt. Die Bezeichnung „Apothekenqualität“ allein ist ebenfalls kein Beleg für medizinische Wirksamkeit.
Heilpflanzen sicher anwenden
Lies bei pflanzlichen Arzneimitteln die Packungsbeilage und halte dich an die dort genannte Anwendung. Bei Nahrungsergänzungsmitteln solltest du Werbeversprechen nicht mit einem Nachweis für die Behandlung einer Krankheit verwechseln. Nimmst du regelmäßig Medikamente, kläre mögliche Wechselwirkungen vorab in der Arztpraxis oder Apotheke.
Bei Kindern sowie während Schwangerschaft und Stillzeit ist besondere Vorsicht nötig. Wenn Beschwerden anhalten, stärker werden oder wiederkehren, lass dich medizinisch beraten, statt dich weiter selbst zu behandeln. Heilpflanzen ersetzen keine notwendige Diagnose oder Behandlung.

















































































