Natural Running – wieder nur eine Modeerscheinung oder eine Technik mit „Hand und Fuß“?

Barfußlaufen … Minimalschuhe … „Five Fingers“ – die Laufsportszene wird aktuell wieder einmal mit einem neuen Trend, innovativen Produkten und einer klaren Ideologie konfrontiert. Plötzlich scheinen wir Jahrzehnte lang verkehrt und mit dem falschen Equipment gelaufen zu sein – es scheint nur noch die eine Art des richtigen Laufens zu existieren – „natural running“.

Doch was genau verbirgt sich eigentlich hinter dieser Philosophie, welche Vor- und Nachteile bringt sie mit sich oder handelt es sich bei dieser Bewegung einfach nur um eine weitere Modeerscheinung und Erfindung der Sportindustrie mit dem simplen Ziel, neue Umsatzträger an den Läufer zu bringen?

Wenn man zwanzig bis dreißig Jahre zurücksieht und die damaligen Ideologien und Produkte in der Laufsportszene begutachtet, so stößt man schnell auf die damals weitverbreitete Ansicht, dass der Laufschuh hauptsächlich gut gepolstert, gestützt und komfortabel gestaltet sein soll, um die Belastung zu minimieren, den Läufer zu schützen und seine Verletzungsgefahr zu dämpfen. Einer der Treiber hinter dieser Bewegung war die Sportindustrie, die ihre neuen Produkte somit schlichtweg einfacher an den Läufer bringen konnte. Und so war es gängiges Straßenbild, dass Läufer in relativ schweren und gut gepolsterten Schuhen unterwegs waren und ihre Kilometer abgespult haben.

Nun hat sich mit „natural running“ das komplette Gegenteil in der Branche verankert; es folgt der einfachen Logik „weniger ist mehr“. So werden die Polsterung und stützenden Elemente des Laufschuhs ebenso wie die Sprengung des Schuhs minimiert. Das Barfußlaufen auf Rasen oder in Sand scheint das Non-plus-ultra zu sein. Als Hauptsache scheint, der Fuß wird nicht mehr eingeschränkt und der eigene Bewegungsapparat (v.a. Wadenmuskulatur, Achillessehne, Sprunggelenk, Längs- und Quergewölbe) durch die folglich höhere Belastung gefordert, gefördert und somit wieder so beansprucht, wie es für unsere urzeitlichen Vorfahren alltäglich gewesen ist.

Doch genau darin liegt auch das Problem von „natural running“: Wie soll die Anatomie, durch jahrelanges Stützen und gestütztes Laufen regelrecht verkümmert und ihrer evolutionsbedingten Aufgabe beraubt, von jetzt auf sofort wieder bereit stehen und die hohen Belastungen eines Laufschritts abfedern? Wie hätte sich denn das evolutionäre Niveau der Jäger und Sammler (die tag-täglich bis zu 30km zu Fuß zurückgelegt haben sollen) halten sollen, wenn die zivilisierte Menschheit seit weit über einhundert Jahren passiv mobil ist, größtenteils sitzend existiert und sich kaum mehr aktiv bewegt?

Die Gefahr von Überbelastungen und daraus resultierenden Verletzungen des Bewegungsapparates durch diese Technik des vornehmlichen Mittelfußlaufs ist sehr groß und sollte daher nur schrittweise über mehrere Monate und am besten unter professioneller Anleitung erlernt, ein- und umgesetzt werden!

Doch „natural running“ besteht eben nicht nur rein aus der angesprochenen Fußarbeit. So spielen vor allem kürzere Schritte und ein weites Abstoßen des Schrittes nach hinten (Anfersen) eine ebenso wichtige Rolle wie ein enger Ellenbogenwinkel (kleiner 90 Grad) – der eine schnellere Armbewegung ermöglicht. Aufgrund der Kreuzkoordination zwischen Armen und Beinen während des Bewegungsablaufes ist somit eine erhöhte Schrittfrequenz ermöglicht, die sich zwangsläufig auch in einem höheren Tempo niederschlägt. Die kleinen Schritte, prinzipiell nicht so ohne weiteres als Tempobringer zu identifizieren, bedingen durch das permanente Abstoßen zumindest eine hohe Effizienz der Laufökonomie. Diese Phänomene können bei fast allen Weltklasse-Läufern beobachtet werden – unabhängig von ihrer gelaufenen Technik oder vertretenen Philosophie. Jüngste Untersuchungen z.B. haben gezeigt, dass der höhere Schrittwinkel (der beim „natural running“ aufgrund der kurzen Schritte und dem damit vermiedenen Kniehub erreicht wird) Bestandteil des effizientesten Laufens ist, das man erreichen kann.

Man kann letztendlich also die Aussage treffen, dass gewisse Elemente auch ganz unabhängig von der „natural running“-Philosophie sinnvoll erscheinen und in die eigene Lauftechnik zur Steigerung der Effektivität und Effizienz eingesetzt werden sollten.

Darüber hinaus muss man also bei der abschließenden Beurteilung von „natural running“ klar zwischen ihrer Philosophie, ihrer spezifischen Arm- und Beintechnik und den (eben teilweise sehr teuren) neuen Produkten der Sportindustrie unterscheiden:

Die Philosophie, den evolutionär gegebenen Bewegungsapparat aktiv zu nutzen und durch körperliche Bewegung wieder zu trainieren, ist sicherlich unumstritten und höchst zweckmäßig.

Dies allerdings muss oder kann nicht ausschließlich mit der spezifischen Fußarbeit abgegolten werden. Diese ist sehr belastend und kann daher nur partiell angewandt werden. Für manche (komplette Laufanfänger sowie adipöse Sportler) scheint sie zunächst kaum umsetzbar zu sein. Allerdings sind die Armtechnik sowie die Logik hinter kürzeren und schnelleren Schritten davon losgelöst und sollte unabhängig davon dann eingesetzt werden, wenn man sich auf ein neues Leistungsniveau begeben möchte.
Dass all dies prinzipiell auch ohne die neuesten Modetrends der Sportindustrie funktionieren kann, versteht sich bei gesundem Menschenverstand schon fast von selbst!

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Bild: Image courtesy of Sura Nualpradid / FreeDigitalPhotos.net

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